1963: Nebel über Tempelhof. „Wegen schlechter Wetterlage müssen heute alle Flüge nach Westdeutschland ausfallen. Ebenso ist vor morgen früh nicht mit Landungen in Berlin-Tempelhof zu rechnen. Die nächste Durchsage erfolgt morgen früh.“ Auf jedem anderen Flughafen der Welt würde eine solche Durchsage zwar Ärger erregen, aber es gäbe Ausweichmöglichkeiten. Man könnte mit der Bahn fahren, man könnte den nächstgelegenen Flughafen benutzen.


In Berlin gibt es solche Möglichkeiten nicht. Berlin, eine Weltstadt mit 2,2 Millionen Einwohner, hat nicht mehr als zehn Bahnverbindungen am Tag, und zwischen Berlin und Westdeutschland liegt das Gebiet der DDR, das nicht jeder gefahrlos durchqueren kann. Nebel über Tempelhof, das bringt für eine Reihe von Fluggästen schwere Probleme mit sich.

Den alternden Schauspieler Emil Stoltmann versetzt es in eine verzweifelte Situation. Er ist von Hannover, ohne Wissen seines Intendanten, nach Berlin geflogen, um eine kleine Hörspielrolle zu sprechen. Nun kann er nicht zurück. Abends soll er in Hannover als König Lear auftreten. Auf diese Rolle hat er, ein mittelmäßiger Schauspieler, sein Leben lang gewartet, diese Rolle war seine große Chance, und nun: Die Vorstellung muss abgesagt werden, der Intendant wird ihn hinauswerfen. Eine solche Chance wird er nie wieder finden, und er selbst hat sie sich verpfuscht.

Ebenso verzweifelt ist der junge, übermutige Geschäftsmann Wolfgang Spitz. Er erwartet dringend einen Geschäftspartner aus Frankfurt: Nur dessen Auftrag kann ihn noch retten, morgen früh sind Wechsel fällig, deren Unterschriften er gefälscht hat. Auch seine Freundin Lisa, deren Charme seine Verhandlungen erleichtern sollte, kann ihm nun nicht mehr helfen. Als letzte Rettung erscheint ihm der millionenschwere Großspediteur J.M.Schreiber, aber der ist nur an Lisa interessiert und weist ihn mit ungerührter Miene ab. Als Wolfgang Spitz am nächsten Morgen Berlin verlassen will, um den Geschäftspartner in Düsseldorf zu treffen, wird er verhaftet.

Für den Chefmonteur Ernst Kramer, der nach Karatschi fliegen soll, scheint sich der Abend zunächst erfreulicher anzulasen. Seine Frau, die ihn zum Flughafen gebracht hat, ist schon wieder nach Hause gefahren. Er beschließt, statt dessen seine Freundin Mausi anzurufen. Nachdem er stundenlang auf sie gewartet hat (sie ist Serviererin in einer Bierkneipe), bringt sie ihn auf die Vermutung, seine Frau sei ihm möglicherweise ebenso untreu wie er ihr. Er fährt noch einmal nach Hause, findet seine Frau allein, erregt nun aber ihren Verdacht. Als er morgens wieder zum Flughafen fährt, hat seine Ehe einen ernsthaften Knacks.

Das Starlet Sylvia Stössi hat ihr letztes Geld zum Friseur getragen. Da sie zu spät zur Abfertigung kommt, hat sie kein Anrecht auf ein Hotelzimmer. Sie kennt niemanden in Berlin, ist völlig hilflos. Ihre Versuche, sich von einem Herrn ansprechen und wenigstens zu einem Abendessen einladen zu lassen, mißlingen. Am Ende bleibt ihr nichts übrig, als mit zwei fragwürdig aussehenden Halbwüchsigen die Halle zu verlassen.

Schließlich ist da noch Mascha, die sich von ihrem Freund Renzo endlich hat überreden lassen, ihren Mann und ihre beiden Stiefkinder zu verlassen, und die nun in Tempelhof festsitzt. Es dauert nicht lang, bis Herbert, ihr Mann, auftaucht, sogar die Kinder bringt er mit, und als sie sieht, daß Renzo sich feige vor einer Auseinandersetzung drückt, läßt sie ihn allein weiterreisen und kehrt an Herberts Seite zurück.

Der einzige, der durch den nächtlichen Aufenthalt nicht verärgert ist, ist John McLeod. Es ist auf der Heimreise zu seiner Farm nach Kenia, und er entdeckt hinter dem Schalter einer Fluggesellschaft Juanita, die Frau, von der er schon immer geträumt hat. Die ganze Nacht hindurch reden die beiden miteinander, alle Müdigkeit vergessend, sie träumen von einem gemeinsamen Leben, von Kindern, von der Zukunft. Am nächsten Morgen wird er überraschend abgerufen, er kann einen leergebliebenen Platz übernehmen, alles geht so schnell, daß er nicht einmal Zeit findet, sich von Juanita zu verabschieden. Ein Bote bringt einen Strauß Rosen, als sie den Raum längst verlassen hat.

Als erfreulich erweist sich am Ende der Aufenthalt auch für die Mitglieder eines polnischen Jazz-Quintetts, die mit dem Autobus vom Ost-Berliner Flughafen Schönefeld gekommen sind, um von Tempelhof weiterzufliegen. Sie haben keine Devisen, sind mißtrauisch, lassen sich aber schließlich durch die ehrliche Sympathie der übrigen Wartenden so beeindrucken, daß sie eine kleine Jam Session improvisieren. Als sie am nächsten Morgen quer über das Flugfeld zu ihrer Maschine gehen, spielen sie immer noch, und es ist deutlich, daß ihr Mißtrauen geschwunden ist.

Alle diese Einzelbehandlungen sind miteinander verflochten und überschneiden sich in ihrem zeitlichen Ablauf. „Die endlose Nacht“ ist kein Episodenfilm: Er ist ein Film über eine Gruppe von Menschen, die alle zugleich eine Nacht lang an der Weiterreise gehindert werden. Aber der Film gibt auch nicht vor, auf so zufällige Weise käme Gemeinsamkeit zustande: Für jeden von ihnen bedeutet dieser Aufenthalt etwas anderes. Und auch die beiden, die sich in dieser Nacht zu finden scheinen, gehen schließlich ohne Abschied wieder auseinander. Jeder lebt für sich allein.

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------